"Um wen geht es hier? Ja nur um mich natürlich!" - Selbstreflektion einer Seite

"Um wen geht es hier? - Ja nur um mich natürlich!"

Heutzutage sind die Inhalte der virtuellen Welt nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken. Wir leben in einer Zeit, in der aufgrund der rasanten technischen Entwicklungen der letzten Dekaden neue Möglichkeiten zur Nutzung und Verbreitung audiovisueller Daten  geschaffen wurden. Das medial geprägte Web ist selbstverständliche Kommunikationsplattform für Unternehmen und vor allem für die jüngere Generation. Nie war es einfacher Erlebnisse zu teilen.

Innerhalb sozialer Netzwerke reicht ein Klick um über 100 Personen mitzuteilen, wie gut gerade der Kaffee in meinem Lieblingsrestaurant schmeckt.

Diese gesteigerten Möglichkeiten und die Motivation zur Dokumentation, Verbreitung und Teilhabe führen dazu, dass vermehrt alles geteilt werden möchte, was der aktive Mediennutzer erlebt hat. Brauchen wir das?

Zu oft sind Seiten reine Selbstdarstellung. "Was habe ich erlebt" & "Schaut, wie toll ich bin". Diese Übersättigung lässt die Frage nach dem Sinn oder der Bedeutung dieser Aussageereignisse aufkommen. In den Mittelpunkt der Betrachtung ist der Versuch der Individualisierung und Subjektaufwertung zu stellen: 

Ich habe etwas geschafft, ich bin einzigartig!

Virtuelle Plattformen dienen dabei der Schaffung eines sozialen Erlebnisses. Dahinter kann der Wunsch verstanden werden: Komm mit auf meine Reise! Dieser Wunsch wird nur wenig bedient, da die stattfindende Anschlusskommunikation einen anderen Fokus hat: Bewerte meine Erfahrungen! Solch eine Seite ist nicht mein Ziel. Du wirst dich im Blog an spannenden Reiseberichten erfreuen können. Der Fokus liegt jedoch auf Dir und Deinem Vorhaben - auf deinem Weg zum Abenteuer!

Jetzt stellen wir die Soziologie und Gesellschaftskritik zurück. Lieber diskutiere ich das an einem lauen Sommerabend bei einem kühlen Getränk von Angesicht zu Angesicht mit jeder oder jedem Interessierten.

© Nov 2017 – Sebastian für The Way to Adventure

Schon wieder ein Adventure - Gedanke zum Abenteuer

"Adventure", wenn wir uns mit Reisen beschäftigen, begleitet uns dieses Wort aktuell fast zwanghaft. Was früher lediglich ein Urlaub sein wollte, möchte heute als besonderes Erlebnis gelten, als Adventure. Was früher ein Alleinstellungsmerkmal war, ist heute der Standard.

Ich habe die letzten zwei Wochen über ein Video nachdenken müssen, welches ich auf YouTube gesehen habe. "Philippinen 2017 - Adventure meines Lebens", oder so ähnlich war der Titel des ca. 10 minütigen Beitrags. Dieser dokumentiert den 3-wöchigen Hotel-Urlaub eines jungen Erwachsenen. Das Video war in einem professionellen Format erstellt und ansprechend. Zu denken gibt mir, dass viel Mühe und Begeisterung in dieses Videoformat gesteckt wurde. Betitelt mit "Adventure meines Lebens". Vor 40 Jahren war es gewiss eine teure und spannende Angelegenheit, mit einer Rumpelkiste von Flugzeug auf die entlegenen Inseln Asiens zu fliegen und diese zu entdecken. Heute ist der Massentourismus dort angekommen. Es gehört zur Vita junger Menschen in ihrer Sturm- und Drangzeit die Welt zu entdecken. Auszubrechen und einfach  zu tun, worauf sie Lust haben. Aber bitte, wie niedrig ist das Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten und wie hoch die inflationäre Verwendung des Begriffs "Adventure"? Diese Frage treibt mich um, wenn ich an das Video denke.

Was ist ein "Adventure" und wie wird es dazu?

Vielleicht sollten die Abenteurer damit aufhören, Abenteuer zu planen. Die Auszeichnung "Abenteuer" erhält eine Situation nicht in dem Moment, in dem sie erlebt wird. Retrograd betrachtet stechen einzelne Facetten des Erlebten hervor. Probleme mussten gelöst, Entscheidungen getroffen werden und Verantwortung für das eigene Handeln hat Angst verursacht. Von unserer Umwelt und unserer Herkunft sind wir Menschen darauf programmiert, dass es uns Spaß macht Probleme zu bewältigen. Unser Gehirn belohnt uns dafür naturgemäß mit Glückshormonen. Wir verfallen in einen Flow. Später klingt es immer gleich: "Ich hätte nicht gedacht, dass das jemals klappt und dann war es ein Selbstläufer". So oder ähnlich lauten die Geschichten im Kern.

Prof. Felix v. Cube, Erziehungswissenschaftler und Motivationsexperte, beschreibt das Phänomen kurz als "Unsicherheit in Sicherheit verwandeln". Unsicherheit hemmt uns, in jeder Lebenslage. Der Prozess, in dem aus Unsicherheit neue Sicherheit wird empfinden wir als Freiheit, als Erleichterung, als Errungenschaft und als Selbstermächtigung.

Zu einem Abenteuer gehören nach Überlegung also zumindest folgende Faktoren: Etwas Neues, etwas Problematisches und die selbst erschaffenen Lösungen. Je stärker die eigene emotionale Einbindung desto mehr wird die Situation im Gedächtnis bleiben. Bilder, Gerüche und Gefühle brennen sich förmlich in unsere Festplatte ein. Diese Probleme muss sich der Abenteurer durch sein Vorhaben selbst erschaffen und selbst lösen. Egal ob allein oder als Gefahren- oder bessergesagt Reisegemeinschaft. 

Am Ende bleibt festzuhalten, dass ein Abenteuer - auch wenn die Werbewelt es doch allzu gerne so verkaufen möchte - nicht nur aus spektakulären Bildern besteht. Das Abenteuer entsteht in uns und ist meist in der Situation einfach unangenehm. Unsere späteren Gefühle lassen es zum Abenteuer werden ... und das können wir bei jedem hören, der von einem wirklichen Abenteuer berichtet.

Wann berichtest du von deinem nächsten Abenteuer? Lass es uns wissen und wir setzen deine Erlebnisse in unseren Gästeblog.

© Nov 2017 – Sebastian für The Way to Adventure

Buch-Tipp: Abenteur-Ideologie und künstliche Paradiese

"Die Formen und Szenarien des modernen Abenteuer- und Extremsports sind bekannt: Menschen stürzen sich mit Fallschirmen von Hochhäusern, Brücken oder Staudämmen, absolvieren Wüstenmarathons, klettern an zugefrorenen Wasserfällen empor, tauchen in unterirdische Höhlen, surfen in haushohen Wellen, setzen sich mit Drachen und Gleitschirmen gefährlichen Winden aus, umrunden die Kontinente als Extremradfahrer, durchsegeln die Ozeane oder besteigen die höchsten Berge dieser Erde." (Bette 2004, 7)

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Bette, Karl-Heinrich (2004): X-treme. Zur Soziologie des Abenteuer- und Risikosports. Bielefeld: Transcript-Verl. (X-Texte).